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03.06.2021 | 05:21

Broker im Sturm der Digitalisierung – Commerzbank, Wallstreet:Online, Palantir, SAP

  • Brokerage
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Bildquelle: pixabay.com

Der Börsen-Wahnsinn geht in die nächste Runde. War es zuletzt GameStop, ist es nun AMC Entertainment. Plus 600% in 2 Wochen und vorgestern ein glatter Verdoppler an einem Tag. Die Aktie startete bei 30 und lief im Hoch bis 70 USD. Gestern kam dann die Emission von 11 Mio. Aktien, um angeblich die Liquidität zu erhöhen. Guter Marketing-Gag! Das Unternehmen nutzt natürlich den hohen Aktienkurs um 500 Mio. USD zu platzieren. Dies ist eine Summe, die das Unternehmen vor einem halben Jahr gar nicht einwerben hätte können. Gestern warnte das Unternehmen vor dem viel zu hohen eigenen Aktienkurs und der Kurs folgte der Verlautbarung auf den Fuß.

Lesezeit: ca. 5 Minuten. Autor: André Will-Laudien
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Commerzbank AG – Restrukturierung und Wachstum im Brokerage

Soweit so gut – die Börsenumsätze explodieren, das Umfeld ist wie in 1999 und eine Branche profitiert: Die Broker und Investmentbanken. Die Commerzbank hatte im Jahr 2000 ihre Direktbank-Tochter und damals zweitgrößten Online-Broker Comdirect erfolgreich an die Börse gebracht. Damals hatte man einen Erlös von 870 Mio. EUR erzielen können. Der Börsenwert erreichte in 2019 in der Spitze 1,8 Mrd. EUR, dann erfolgte die Rückintegration in den Konzern.

Für die Commerzbank ist die Dürrezeit von 2008 bis 2018 wohl nun durchgestanden. Aktuell ist das Unternehmen wieder glänzend aufgestellt. Ein Sozialplan für den Jobabbau ist aufgestellt und die Umsetzung der Sanierung nimmt immer mehr Fahrt auf. Das Finanzinstitut überraschte zudem im ersten Quartal mit einem Gewinn, der deutlich über den Erwartungen lag. Viele Anleger fragen sich nun, wann die Bank in der Lage sein wird, wieder Überschüsse an die Aktionäre auszuzahlen.

Die harte Kernkapitalquote der Commerzbank stieg zuletzt auf 13,4%, was 140 Basispunkte über dem Managementziel von 12% liegt. Geht es nach der Mindestanforderung der Aufsicht, muss das Geldhaus mehr als 9,6 Prozent Kapital vorhalten. Doch gerade durch die Folgen der Pandemie braucht die Bank einen Puffer, falls die Rückstellungen in Höhe von 1 Mrd. EUR für faule Kredite nicht reichen sollten.

Im Brokerage läuft es mit einer Vielzahl neuer „Homeoffice-Kunden“ nun auch wieder rund. Auch der Mittelstandsbereich scheint die rollende Insolvenzwelle gut abfedern zu können. Die Commerzbank-Aktie hat sich schnell aus der 5 EUR-Region verabschiedet und nimmt Kurs auf 8 EUR, allein im Mai konnte die Aktie 30% zulegen. Man sollte sich die CBK-Aktie durchaus wieder genauer ansehen.

Wallstreet:Online AG – Analogien zu Trade Republic

Die wallstreet:online-Gruppe ist mit ihren gut 200 Mitarbeitern schon lang kein reines Finanzinformations-Unternehmen mehr. In den letzten 10 Jahren hat das Unternehmen eine wahre Transformation durchlebt, beschleunigt hat sich dies mit der Gründung des Neobrokers Smartbroker. Zuletzt wurde sehr stark in Digitalisierung und Modernisierung investiert. Heute beherbergt das Unternehmen neben den bekannten Plattformen wallstreet-online.de, boersenNews.de, FinanzNachrichten.de und ARIVA.de auch den renommierten Smart Investor, ein Printmagazin für den fortgeschrittenen und kritischen Investor.

Mit rund 350 Millionen Seitenaufrufen ist die Gruppe der mit Abstand größte verlagsunabhängige Finanzportalbetreiber im deutschsprachigen Raum und die Nr. 1 unter den Finanz-Communities. Langfristig werden die Zahlen der Gruppe durch das neue Geschäftsfeld „Smartbroker“ angetrieben, die Veränderung von der reinen Finanz-Community zum Handelsabwickler und Bestandshalter von Fonds wird zu einer Vervielfachung der Erlöse bis 2025 führen.

Aus analytischer Sicht stellt sich die Frage nach dem Wert des Smartbroker-Geschäfts. Die günstigen Konditionen locken immer mehr Kunden auf die neuen Plattformen, abgerechnet wird über Online-Marktplätze wie Gettex, Quotrix, Baader oder LSX. Trade Republic hat jüngst bei Investoren 730 Mio. EUR eingesammelt und erreicht eine außerbörsliche Bewertung von 4 Mrd. EUR. Der Neobroker aus Berlin ist damit zum wertvollsten StartUp Deutschlands im Fintechsektor aufgestiegen. Anfang Juni hatte Trade Republic rund 400 Mitarbeiter und Angabe gemäß 1 Million Kunden.

Die Bewertung eines Brokers geht nicht allein nach Kundenzahl, sondern auch das durchschnittlich verwaltete Volumen sowie die Trading-Frequenz spielen eine Rolle. Hier darf man bei den traditionellen Brokern allein aus der Altersverteilung des Vermögens eher eine Vermögensballung vermuten. Smartbroker möchte Ende 2021 über 200.000 Kunden verfügen, sie stammen in größeren Teilen von der VW Direktbank. Würde man den Wert von Trade Republic hier nach unten brechen, so wären dies allein 700 Mio. EUR für Smartbroker. Die W:O-Aktie hat mit 28 EUR aber gerade mal eine Kapitalisierung von rund 400 Mio. EUR. Aus diesem Blickwinkel könnte hier schon bald der nächste Verdoppler anstehen.

Palantir Technologies – Wachstum mit Regierungsaufträgen

Palantir ist eine der heissesten Aktien im Umfeld von Consumer-Analyse- und KI-Softwareplattformen. Das Unternehmen aus Palo Alto untersucht den Inhalt des Internets nach Spuren und Datenmerkmalen der User. Die lukrativsten Verträge stammen aus dem Regierungsbereich, wo Palantir immer wieder für hochsensible Aufträge gebucht wird.

Im zivilen Bereich hat Palantir große Ambitionen, die siloartigen ERPs und CRMs der Unternehmenswelt durch seinen Erfolg im Regierungssektor zu stören. Hier werden praktikable SaaS-Plattformen angeboten, sie bieten den Vertriebsteams sowie Channel-Partnern direkte Unterstützung für die sensibelsten Segmente des Unternehmens.

Im Jahre 2020 nutzen 125 Kunden die Palantir-Software, ein Drittel des Umsatzes bringen dabei die drei größten Auftraggeber. Im Sommer 2020 bot Alex Karp die Palantir-Software der britischen Regierung zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie für ein Britisches Pfund an. Gleichzeitig ist Palantir mit einem Büro in London mit 600 Mitarbeitern in den Brexit-Vorbereitungen involviert, um die Qualität der neuen Zollprozesse im Grenzverkehr ab 2021 zu steigern.

Die Palantir-Aktie hat eine Kapitalisierung von 46 Mrd. USD, der Umsatz wird in 2021 von 1,1 auf knapp 1,5 Mrd. USD wachsen. Damit liegt das Wachstum zwar bei über 40%, aber auch das KUV ist bei einem stolzen Faktor 40. Trotz monatelanger Konsolidierung, ist die Aktie aus analytischer Sicht daher immer noch sehr teuer. Abwarten!

SAP – Mit Volldampf in die Business Cloud

Der Auftakt der hauseigenen Vermarktungs-Veranstaltung Sapphire Now stand vor allem im Zeichen von SAPs Geschäftsnetzwerk für Firmen. In diesem Jahr stellt SAP seine Pläne im Bereich Supply Chain und Cloud zum Aufbau von umfassenden Business-Netzwerken vor. Es soll Unternehmen helfen, ihre Logistik- und Lieferströme schneller auf wirtschaftliche und geopolitische Veränderungen einzustellen.

Außerdem konkretisiert der Walldorfer Softwarekonzern die erwartbaren Fortschritte in der Produktentwicklung, die wie gewohnt im gewohnten Duktus als Innovationen verkauft werden. Offiziell beginnt die Sapphire Now in Europa und den USA erst kommende Woche. Erwartungsgemäß finden die Hausmessen von SAP angesichts der Pandemie auch dieses Jahr rein virtuell statt. Ein wenig ungewöhnlich ist indes, dass die Auftaktrede von SAP-CEO Christian Klein bereits einige Tage zuvor am Mittwochabend stattfand.

Die als „Innovationen“ verkauften Neuerungen waren in der einen oder anderen Form schon auf früheren Veranstaltungen vorgestellt worden, wenn vielleicht auch eher als Idee und weniger als Produkt. Der Konzern feilt weiterhin an den diversen Stellschrauben, um zum einen die Idee eines „intelligenten“ Unternehmens umzusetzen und zum anderen ihre Kunden in die Cloud zu locken.

Die Börse hat sich in den letzten Monaten mehr „Neues“ erwartet, die Dynamik aus früheren Zeiten stockt etwas, hoffentlich verliert SAP in wichtigen Themen nicht den internationalen Anschluss. Insgesamt leidet die SAP-Aktie wohl immer noch unter ihrem Schock vom Oktober und kann sich nur langsam wieder aufraffen. Ein neuer Aufwärtstrend wird sich charttechnisch jedoch erst ab 120 EUR etablieren können.


Der Autor

André Will-Laudien

Der gebürtige Münchner studierte zuerst Volkswirtschaftslehre und diplomierte 1995 in Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität. Da er sich schon sehr frühzeitig mit der Börse beschäftigte, verfügt er heute über mehr als 30 Jahre Erfahrung an den Kapitalmärkten.

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